Proprietäres oder freies ERP: Kriterien für die Wahl
Kurz gesagt
Zwischen proprietärem und freiem ERP entscheiden vier Punkte: wer Updates liefert und einspielt, wer Support zusagt, wie stark Sie an einen Anbieter gebunden sind und was ein Wechsel kostet. Prüfen Sie diese Punkte in jedem Angebot; der Lizenztyp allein beantwortet sie nicht.
Das Wichtigste
- Die Marktstudie von Digital in NRW (2021) geht von einer durchschnittlichen ERP-Nutzungsdauer von mindestens 15 Jahren aus.
- Laut derselben Studie sind Updates und Upgrades bei On-Premise-Installationen häufig nicht in den Wartungskosten enthalten, bei cloudbasiertem Betrieb meist schon.
- Bitkom 2025 (Deutschland, Unternehmen ab 20 Beschäftigten): größter Nachteil von Open Source ist für 20 Prozent fehlendes Fachpersonal, für 15 Prozent die unklare Gewährleistung.
- Die Gewichte in der Entscheidungstabelle sind redaktionelle Ausgangswerte, keine Marktdaten.
Proprietär heißt hier: Der Hersteller hält den Quelltext zurück und räumt Nutzungsrechte per Kauf, Miete oder Leasing ein. Bei freier Software steht der Quelltext unter einer Open-Source-Lizenz, wie in Open-Source-ERP: Möglichkeiten, Aufwand und Grenzen beschrieben. Die Lizenzart und das Betreibermodell (eigener Server oder Mietlösung in der Cloud) sind zwei getrennte Entscheidungen, die in einem Angebot gebündelt sein können.
Worum es bei der Auswahl geht
Die Marktstudie von Digital in NRW (2021) betont, dass die Wahl eines Herstellers eine Entscheidung von großer Tragweite sei, weil ein ERP-System durchschnittlich mindestens 15 Jahre eingesetzt werde. Deshalb zählt weniger der Preis im ersten Jahr als das, was später passiert: Updates, Support, Anpassungen und der Weg hinaus. Die folgende Tabelle ordnet diese Punkte beiden Seiten zu, ohne ein Produkt zu bewerten.
Diese Kriterien zählen
Die Spalten „proprietär“ und „Open Source“ beschreiben, was im Vertrag oder im Betrieb zu klären ist. Beides sind Ausgangspunkte für Fragen, keine Eigenschaften, die jedes Produkt hat.
| Kriterium (Ausgangsgewicht) | Proprietär: worauf es ankommt | Open Source: worauf es ankommt | Prüffrage |
|---|---|---|---|
| Anbieterbindung (3) | Datenformate, Schnittstellen und Anpassungen können an den Hersteller binden; die Studie nennt hohe Wechselkosten als Nachteil des Cloudbetriebs. | Der Quelltext ist einsehbar; die Bindung verlagert sich auf Dienstleister, die Ihre Anpassungen kennen. In der Bitkom-Befragung nennen 5 Prozent Anbieterwechsel und bessere Verhandlungsposition als größten Vorteil. | Wer außer dem heutigen Anbieter könnte das System betreiben und anpassen? |
| Support (3) | Support wird über Wartungs- oder Mietvertrag geregelt; Umfang und Reaktionszeit sind im Vertrag zu prüfen. | Support kommt von Dienstleistern oder der Community; vertragliche Zusagen gibt es nur, wenn Sie einen Vertrag abschließen. | Welche Reaktionszeit ist schriftlich zugesagt, und von wem? |
| Updates (2) | Die Studie: Bei On-Premise häufig nicht in den Wartungskosten enthalten, bei Cloudbetrieb meist inkludiert; die Mehrzahl der Anbieter empfiehlt einen Release-Wechsel alle zwei Jahre. | Updates und Tests organisieren Sie selbst oder beauftragen sie. Das BSI beschreibt als Orientierung klare Zuständigkeiten und zeitnahe Bewertung von Patches (OPS.1.1.3). | Wer spielt Updates ein, und ist der Release-Wechsel im Preis? |
| Ausstiegskosten (3) | Datenexport, Parallelbetrieb und Schulung kosten Zeit; die Studie nennt die Entscheidung für den Cloudbetrieb als nur schwer umkehrbar. | Der offene Quelltext erleichtert den Export nicht automatisch; entscheidend ist, ob Daten in lesbaren Formaten herauskommen. | Welche Datenarten exportiert das System, und in welchem Format? |
| Fachkräfte (2) | Ansprechpartner stellt der Hersteller oder sein Partnernetz. | In der Bitkom-Befragung 2025 nennen 20 Prozent fehlende Fachkräfte als größten Nachteil. | Wer in Ihrer Nähe betreut das Produkt, und wer vertritt ihn? |
| Gewährleistung (2) | Im Vertrag geregelt. | Gewährleistung und Haftung stehen im Vertrag mit dem Dienstleister; die Lizenz allein ist keine Zusage. 15 Prozent der Befragten nennen die unklare Gewährleistung als größten Nachteil. | Was haftet der Vertragspartner, und für welchen Teil des Systems? |
Die Zahlen in Klammern sind redaktionelle Ausgangsgewichte von 1 (gering) bis 3 (hoch). Setzen Sie Ihre eigenen ein, bevor Sie vergleichen; wie ein gewichtetes Angebot rechnerisch bewertet wird, zeigt ERP-Ausschreibung: Anbieter fair vergleichen.
Woraus sich die Kosten zusammensetzen
Die Marktstudie nennt fünf Komponenten, die für jedes ERP gelten: Lizenzen, Wartung und Support, Dienstleistungen, Hardware und interne Kosten. Bei Open Source kann die erste entfallen, bei Mietlösungen verschiebt sich die Hardware zum Anbieter. Zur Dauer schreibt die Studie, dass die Kosten beim Miet-Lizenzmodell auf Dauer deutlich höher sind als bei Kauf und Leasing, und verlangt, eine Cloud-Entscheidung mindestens über zehn bis 15 Jahre zu rechnen. Vergleichen Sie deshalb die Summe über den geplanten Nutzungszeitraum und nehmen Sie die Ausstiegskosten als eigene Zeile auf. Alle Kostenarten im Überblick: ERP-Kosten.
Warnsignale in Angebot und Vertrag
- Updates und Release-Wechsel werden nicht erwähnt oder gelten als „nach Aufwand“.
- Der Datenexport ist nur gegen einen Aufpreis beschrieben, ohne Format und Umfang.
- Anpassungen sind nur durch einen einzigen Dienstleister möglich.
- Die Reaktionszeit des Supports steht nur im Prospekt, nicht im Vertrag.
- „Kostenlos“ wird genannt, ohne dass Betrieb und Betreuung beziffert sind.
Welche Kriterien für welchen Betrieb
Die Zuordnung ist eine redaktionelle Einschätzung.
| Situation | Was am meisten zählt |
|---|---|
| Keine eigene IT-Betreuung | Support mit Reaktionszeit, Updates im Preis, Betreuung aus einer Hand |
| Eigene IT-Person oder fester IT-Dienstleister | Quelltext und Schnittstellen, Testsystem, Aufwand je Update |
| Lange Nutzung geplant, viele Anpassungen | Ausstiegskosten, zweiter Dienstleister, Datenexport |
| Kurzer Planungshorizont, wenige Nutzer | Vertragsdauer, Kündigungsfrist, Anlaufkosten |
So vergleichen Sie in fünf Schritten
- Entscheiden Sie getrennt über Lizenzart und Betreibermodell und notieren Sie beides je Angebot.
- Setzen Sie Ihre Gewichte (1 bis 3) für die sechs Kriterien.
- Beantworten Sie die Prüffrage je Angebot schriftlich und markieren Sie, was nur mündlich zugesagt ist.
- Rechnen Sie die Kosten über den geplanten Nutzungszeitraum, einschließlich Ausstieg.
- Gehen Sie weiter zu ERP auswählen in sieben Schritten.